Mind Mapping
Mehr als nur eine alberne Darstellungsform von Gedanken, eher der persönliche Paradigmen-Wechsel des Denkens - Teil 1

Vollkommen fehl informiert ist, wer die Ansicht vertritt, dass MM ganz drollig verspielt und "mal für zwischendurch zum schnellen Festhalten von Checklisten" recht ungefährlich ist. Dieser Eindruck kann sehr schnell erwachsen, wenn Mind Mapping in einem nicht "echten" MM-Seminar gelernt wird, bzw. wenn nicht gründlich auch die Meta-Ebenen des Mind Mappings erfahren und herausgearbeitet werden.
Gleich zu Anfang zeigt dieser Überblick möglicher Anwendungen eine Richtung auf, wobei jede qualifizierte Mapperin oder jeder passionierte Mapper stets neue Bereiche entdeckt oder entwickelt!

Es ist fast zwanzig Jahre her, als der Engländer Tony Buzan dieseTechnik, Methode oder Strategie entwickelte, die er Mind Mapping® nannte.Es gelang ihm, ausgehend von dem damals gerade bekanntgewordenen Hemisphären-Modell, mit dieser Darstellungsweise Zugang zu den Besonderheiten beider Hirnhälften-Tätigkeiten anzuregen. Die Hintergründe und zugeschriebenen Ressourcen-Organisationen sind mittlerweile hinlänglich bekannt und ich lasse sie aus gegebenem Anlass aus und wende mich stattdessen weniger bekannten Besonderheiten zu. Also: prinzipiell kann beim Mind Mapping® von zwei Ausgangspositionen ausgegangen werden.Die eine ist die, dass vorhandenes Kreativgut komprimiert wird, und zwar übersetzt dabei die Mapperin oder der Mapper in das eigene, intrapersonelle Ausdruckssystem. Die andere Ausgangsposition besteht im eigenen Entwickeln von Kreativgut. Es gibt öfters die Umschreibung der "aktiven und passiven Seite des Mind Mappings". Andere Definitionen dafür sind günstiger, denn aktiv ist das Vorgehen in beiden Fällen.
Innerhalb der gegebenen Mind Mapping-Darstellungsweisen gibt es Umgangs-Nuancen. Leichte Unterschiede vom britischen Stil zum kontinentalen sind offensichtlich: Die britische, von Tony Buzan entwickelte MindMapping-Darstellung, weicht in einigen Aspekten von der - deutschsprachigen - Denke ab. Die angelsächsische Sprache hat den Vorzug, von grosser, kurzbündiger Prägnanz zu sein. Ein Vergleich beider Sprachsysteme oder eine Übertragung in andere darf nicht ohne weiteres stattfinden Jede Sprachkultur hat eine eigene Denkkultur und macht deshalb eine modifizierte Adaption notwendig. So ergibt sich eindeutig in der deutschen Ausdrucksform ein mengenmässig grösseres Volumen als bei den Angelsachsen. In einem deutschsprachigen Print-Text wird vergleichsweise ca. ein Drittel mehr an sprachlichem Beiwerk benötigt. Diese Wortfülle erweckte in uns dann eher die Vorliebe für die Schreibschrift. Es fällt uns spontan schwer, der Empfehlung zu folgen, die besagt, dass durchgehend in einem Mind Map alle Eintragungen in grossen Blockbuchstaben gemacht werden müssen, bzw. sollen.
Ein weiterer Unterschied: die englische Sprache ist von der Sinnigkeit her eine auditive. Aussprache und Rechtschreibung differieren hier oftmals erheblich. Engländer benötigen zum Erkennen und Dechiffrieren von geschriebenen Wörtern ein klares optisches Bild. Vielleicht bevorzugen auch aus diesem Grund die Anglo-Amerikaner allgemein die Schriftdarstellung durch grosse Blockbuchstaben. In anglo-amerikanischen Mind Maps werden viel mehr Bildelemente eingesetzt, bzw. werden Worte durch Bildzeichen ersetzt. Die deutsche Sprache tendiert vom Typ her eher zum Visuellen und hat viele ornamentale Varianten.Bildkürzel machen uns hingegen wenig an, bzw. wird das Bilden oftmals als Zeitverzögerung empfunden. Unser Auge ist auch gewohnt und trainiert, diverse Schriftausprägungen blitzschnell zu erfassen.Wir schreiben sehr selten ausschliesslich nur in grossen Blockbuchstaben.Insofern ist es eine Quälerei, darauf strikt zu bestehen, nur "blockige" Mind Maps zu fordern. Eine Ausnahme ergibt sich dagegen durch den Hinweis, dass immer - und hier aus augendekorativen Gründen - dieWörter auf den ersten Hauptzweigen grossblockig geschrieben werden. Aus einem einleuchtenden Grund: die erste Linie, die vom Zentrum oder dem Kern abgeht, hat den Rang einer Überschrift. Grossblockigkeit hebt in diesem Fall graphisch hervor und hat somit eine bedeutungstragende Bewandnis. Eindeutig ist auch die Erfahrung, dass die Schrift so deutlich geschrieben sein soll, dass das Map auch zu lesen ist, wenn es einmal schräg oder "auf dem Kopf" liegt.
Eine weitere kontinentale Besonderheit: es gibt Sprachen, in denen ein Begriff aus zwei oder mehreren Wörtern zusammengesetzt ist.Die feine britische Art, nur ein Wort pro Linie zu erlauben, ist dortnicht einzuhalten. Rein optisch sieht das Map dann wie ein untaugliches Satz-Map aus. Die Einigung, nur ein Wort oder einen Begriff pro Linie zu gestatten, ist ansonsten von hohem disziplinären Wert und führt dazu, dass präzise gedacht wird.
Gemeinsam ist allen nationalen "Regeln", dass Gedankenwolken, die aus vielen Sätzen, Wörtern oder Leseminuten bestehen, reduziert werden auf ein bündelndes Schlüsselwort. Untrennbare Zitate, Sprichwörter oder Namen stellen die Ausnahme dar. Das ausschliessliche Arbeiten mit Schlüsselwörtern führt u.a. zur Klärung oder Transparenz der eigenen Gedankenorganisation. Dazu ein Beispiel: wenn ein Satz oder ein Satzfragment auf eine Linie geschrieben wird, dann definiert man damit automatisch einen Endzustand des Gedankenprozesses! Varianten, Fortsetzungen oder Alternativen können aus einem solchen Satz nicht mehr generiert werden. Der Satz ist zu einem Produkt geworden und enthält keinerlei Dynamik für einen späteren Gedankenfluss.
Dazu ein Beispiel: "Immer fahren wir im Urlaub nach Frankreich". Das ist eine definitive End-Message. Die neurolinguistische Interpretation verrät sogar noch viel mehr! Zum Beispiel, dass es unwiderruflich "nur" Frankreich sein kann, immer, lebenslang, nur im Urlaub und nur in der Formation eines "wir". Es liegt somit eine einengende Richtung vor, geleitet durch den Ausschluss von Andersartigkeit. Rein optischist es zwar nur ein Satz, Mind Mapping hingegen ist optisch und inhaltlich eine Fächerung oder "variety". Wie sagt man: "...ein weitgefächertes Angebot!" Transformiert in die MindMap-Denkstruktur bilden sich viele Gabelungen oder Entscheidungs-Weichen, bzw. es werden Alternativen und Neuanlässe aufgezeigt. Eine "offene" Aussageist jetzt abgebildet.
Beim Mappen dieses Satzes wird erkennbar, dass die betreffenden Personensich in einem recht nachlässigen und alternativlosen Gewohnheits-Loop befinden. Das Mind Map bringt es an den Tag,wie rudimentär die Reiseentscheidung ist. Die per Mind Map entwickelten und darstellbaren Paralellalternativen weisen über den Tellerrand eines Frankreichurlaubsrituals hinaus. Wenn Gruppen von Reisenden ihre Urlaubsplanung in Form eines Gruppen-Mind Maps entwickeln, dann zeigen sich praktisch neue Ziele oder Wertigkeiten.
Im konkreten Fall kommen u.a. folgende Aspekte zutage: wenn es ein Kult ist, Frankreich der Sprache wegen zu bereisen, dann wird man spätestens jetzt realisieren, dass woanders auch noch Französisch gesprochen wird. Ist es die Landschaft, dann lassen sich ebenfalls alternative Landstriche woanders finden. Das kann die Mittelmeerregion sein, doch auch die Benelux-Länder und die Schweiz kämen partiell in Frage. Sollte es die "Cuisine" sein, die die Gruppe anregt, dann weiss man, dass man im übrigen Ausland oftmals genauso, wenn nicht noch exquisiter französisch essen kann. Von Kanada über Mittelamerika hin bis Afrika gibt es französische Kochkultur.
Finden alle aus der Gruppe die französische Bevölkerung reizend, dannwird man zugeben müssen, dass die französische Bevölkerung im Sommer ebenfalls dem Völkerwandertrieb nachgibt und fast überall woanders anzutreffen ist als in Paris oder beispielsweise an der Südküste.Nun, was ist es, das diese Gruppe dazu führt, stets, immer im Urlaub nach Frankreich zu fahren? Hat es eine "gruppenintime" Ankerfunktion? Oder ist es ein Ferienhausbesitz? Aus der Analyse geht weiter hervor, dass die Gruppe zur Gattung der Dauertypen gehört. Die Wiederholung ist ein deutbares Signal-Zeichen dessen.Und es wird ausgesprochen offensichtlich, dass Frankreich nur als Urlaubsland in Frage kommt.
"Was wäre, wenn....?" Während eine definitive Behauptung so zerlegt wird, können zahlreiche mentale Kompetenzen aktiviert werden: die logisch-linearen, die kreativen oder erlebnisverwahrenden.Und wenn viel Unterschiedliches auf diese Weise zusammenkommt, dann ist die Chance für Entscheidungsvielfalt unter Berücksichtigung einer grossen Diversität sehr gross! In demUr-Satz stecken jede Menge von Annahmen, die es Wert sind, hinterfragt zu werden - auch unterstützt durch meta-sprachliche Analysen!
Hier zeigt sich u.a. auch, was den Unterschied einer graphischen Chaos-zu der einer Ordnungs-Notation ausmacht. Eine Ordnungs-Notationist "zu-planiert" durch vorgegebene und eindeutige Zielaussagen, quasi Zielprodukte. Mind Mapping ist aber ein wichtiges Prozessmittel, Steuer-und Denkoffenheit zu trainieren. Die "Augenblicks-Kybernetik" istgefragt, erforderlich oder schleunigst erfahrbar zu machen.Und das Mind Map ist ein Darstellungsausdruck dessen!
Ob mental oder real, Mind Mapping versetzt den Akteur in die Lage, divergent und verlaufsorientiert zu schreib-zeichnen, statt mit den Produktvorgaben der alten, überholten, linearen und sukzessiv vorgehenden Denk-und Arbeitsstrukturen, die dem Prinzip der Kausalität unterliegen.

Man sagt zu Recht, dass keine zwei Menschen eine identische Interpretation eines Gedankens, einer Aufgabe oder einer Idee finden. Jeder von ihnen deutet Nuancen, die zudem auch situativ abweichen können, in das Mind Map. Das Mind Map hat Symbolcharakter, es steht für etwas, es beschreibt und kann erst auf einer kommunikativen Basis - Konsensprozess - zu einem Konsensprodukt entwickelt werden. Ein Mind Map ist insofern eine chiffrierte und subjektive Gedankenentscheidung zu einem Thema.Die Methode ist quasi ein Transponder, Interface oder Mittlermedium zwischen der symbolträchtigen Sprache des Gedankenpotentials und der real existierenden, bodenständigen und vereinbarten Kultursprechsprache. In einem Mind Map sind selbstverständlich Datenbündel aus demUnterbewusstsein, die manchmal die "spirituellen oder intuitiven Elemente" genannt werden.
Jedes Mind Map spiegelt die individuellen Züge der Künstlerinoder des Künstlers wider. So gibt es die lineare Verbal-Kunst oder es sind Kreationen vorhanden, die einem tiefsten Verständnis für das Bildhafte Ausdruck verleihen. Sie bestehen dann zum grössten Teil nur aus Bildelementen oder sinnlich-chaotischen verspielten Ansammlungen von Gedankenwörtern. Sie sind gewissermassen ein Spiegel mutmachender Heiterkeit. Auch Collagen oder "Fetz-Maps", als "1:1-Abbild eines eingefrorenen Momentes" gibt es. Wie bei jeder Komposition können recht verbindliche Aussagen und Rückschlüsse über den Künstler und die Künstlerin getroffen werden.
Jeder Mind Mapper bzw. jede Mind Mapperin kreiert ein Map oder Portrait der augenblicklichen Eingebung nach; oder entsprechend den Zielsetzungen und Aufgabenstellungen. Der interne Zustand der Person beeinflusst natürlich die Wortfindung, Flächengestaltung oder eine Konkretisierung. So, wie keine zwei Menschen ein Portrait eines Menschen identisch sehen und bildnerisch interpretieren, so ist es mit der Individualität des Mind Maps zu sehen. Selbst ein Mind Map zu einem Thema wird von ein und derselben Person zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich ausgeführt.
Der Begriff "Mind Portrait©" für Mind Mapping sagt mir sehr zu. DasWort "Map" gibt sich den Anschein, dass es eine recht objektive Beschreibung oder Darstellung eines Bereiches ist, welche es nunwirklich nicht ist und nie sein kann! Wie sagt man im NLP?" The Map is not theTerritory!" Es ist zwar im Sprachgebrauch bekannt, dass die Karte nicht gleich das Territorium sei, doch in dem Wort "Map" schwingt eine Art "Verbindlichkeit" mit. Mit dem Wort "Portrait" ist in sich ausgedrückt, dass Gedanken interpretatorisch wiedergegeben oder zusammengestellt sind.
Es handelt sich um einen Ausschnitt, eingefrorenen Augenblick oder ein Moment-Bild eines Gesamtkomplexes. Ein Portraitist ist ein freierer Künstler seiner subjektiven Vorstellung als ein Kartograph.Dieser hat sich an vorgegebene Messungen und Dimensionen zu halten.Die Abbildung eines Portraits unterliegt immer subjektiven und stimmungsabhängigen Entscheidungen. Und genauso ist es beim MindMapping.
Fest verankerte Schriftzeichen oder Piktogramme entstehen durch Normierungund Simplifizierung. Aus der Komplexität von Gedankenfülle - Füllmaterial - einigt man sich dabei auf reduzierte Gestalten. Interpretationen und Diversitäten sind nicht gewünscht. Im Unterschied dazu ist jedes Map ein Unikat! Mind Maps als Makro- oder Neo-Schriftzeichen! Lesbar und interpretierbar wie z.B. chinesische Schriftzeichen.Vielleicht wird es später einmal, wenn das Mind Mapping ein verbreitetes Kommunikationsmedium ist, feststehende Mind Map-Graphikzeichen geben für bestimmte Gedanken, die von allgemeiner Relevanz sind. Querverweise zu Chaostheorien und Fraktalerkenntnisse bieten sich an: sind Mind Maps nicht "geglättete" Fraktale der intrakulturellen oder intralinguistischen Denke der Mind Mapperin oder des MindMappers?
Faktenstatik und Stabilität des Denkens verlieren an Bedeutung durchMind Mapping, ob mental oder real-graphisch auf Papier. Ein Prozess des Fliessens setzt sich durch oder legt sich darüber! Das graphische "Outfit" des Mind Maps bietet Parallelen an: ein Delta der Ideen und Gedanken; ein Strom, der sich immer mehr teilt und an Neuem auf seinem Weg vorbeikommt, an dem es abzweigt, oder auch nicht. Eine Dynamik in Bewegung und Neuschöpfung. Dazu angehängt die Weisheit: "Man steigt kein zweites Mal in den selbenStrom!" Die Gedankenflüsse im Mind Mapping finden vergleichbar statt. Kein Map ähnelt dem anderen. Jedes Map, sogar zum selben Thema, wird zu unterschiedlichen Zeiten ein anderes Portrait bilden. Bereits Minuten später ist der "BrainLand-Status" ein anderer. Externe und interne Bedingungen des Mappers und der Mapperin beein-"flussen" denVerlauf der Gedanken. Normierung, Eindeutigkeiten und die Erhaltungvon Stereotypen wird in den Kreationen à la Mind Mapverhindert. Ich behaupte, dass es die "Magie" des Mind Map ist!
© MARIA BEYER 1.1.97
Über die neuesten Entwicklungen im Mind Mapping berichte ich in der nächsten Ausgabe von "MultiMind - NLP aktuell".