
Mensch denkt,
Lola rennt

Gedanken ordnen mit Mind Mapping, von: Maria Beyer
Mind Mapping - schon oft gehoert, aber wie geht das eigentlich? Junge Karriere bat die Expertin Maria Beyer, diese Denktechnik an einem Beispiel, dem Kinofilm "Lola rennt", einmal vorzuführen.
Bevor Lola losrennt, eine kurze Wegbeschreibung für die Leser: Die Autorin schreibt in der Ich-Form; die kursiv gedruckten Textstellen erklären die technik des Mind Mapping: der Rest bezieht sich auf den Film.
Bei einem Mind Map - übersetzt heisst das soviel wie "Gedanken-Organisationskarte" - steht das Zentralthema in der Mitte des immer qerrgelegten Blattes; entweder als Bildkürzel wie hier oder als Wort bzw. Satz von einer Wolke eingekreist.
Mich bewegte die Lautmalerei zu "brennt" in Kombination mit den wehenden roten Haaren der Filmheldin, deshalb die akzentuierten roten Haare, erneut akzentuiert und verstärkt mit Filz- statt Buntstift. Lola brennt vor Engagement und Entschlossenheit; und sie ist wie die Flammen nicht zu unterschätzen, fast geführlich. In diesen Ueberlegungen ist sowohl die gesamte Filmgeschichte gebündelt als auch komprimiert.
Das Image (gezeichnete Lola) steht symbolisch stellvertretend für die Story, mit all den Details, die die ich als bemerkenswert erinnere.
Um den Lola-Kern herum gruppieren sich neun Schwerpunkte, die für mich strukturgebend sind und im "Lola-rennt-Motiv" kulmulieren. Die neun Schwerpunkte sind als Schlüsselworte auf einer kurze Linie festgehalten.
Mind Maps zeichnen sich dadurch aus, dass jeweils ein optimales
Schlüsselwort für komplexe Sachverhalte gewählt wird. Ist das Wort gut getroffen, so schliessen und vereinen sich in dem Wort Zusammenhänge, die aber nicht für eine gute und spätere mentale Verfügbarkeit ausführlich Wort für Wort niedergeschrieben werden. überlegte Knappheit ist das Motto im Mind Mapping! Also bitte nur ein Wort pro Linie. Die Wortlinien schliessen sich lückenlos an den vorherigen Zweig an. Das Gehirn errinnert nur Zusammenhänge;
deshalb sind Mind Maps zusammenhängende Darstellungen.
Ein Mind Map vereint weiterhin eine präzise, individülle Denk - und Sprachlogik. Im Kern befindet sich das übergeordnete Thema, von dem die Unterthemen - auf Aesten - abgehen, und von diesen die weiteren Unterthemen bis nach aussen hin zu den Details, so man sich entscheidet, aufzuhoeren oder das Blatt zu Ende ist.Denkstützend ist der Einsatz von Farbe und Bildelementen, kleinen individüllen Icons. Auf diese Weise sind beide Hirnhälften angesprochen und beteiligt.
Zurück zu Lola: der Ast "Story" steht obenan und ist auf vier Teilbereiche gegliedert, die von "Story" abgehen. Das Todeskreuz hinter "Liebesgeschichte" signalisiert die beiden Fast-Sterbefälle von Lola und Manni. Dahinter habe ich eine 1 und eine 2 eingekringelt gesetzt, da auf diese Kürzel noch eingegangen wird. Die eingekringelte 3 steht für das Happy End: Version 3! (dieses wurde nicht abgedruckt, ist meiner Meinung aber wichtig: Hinter den Zweig "Berlinepos" wollte ich noch dasBranderburger Tor skizzieren, doch ich vergass es. Wäre jedoch noch Platz dafür vorhanden und auch die Zeit. Vielleicht koennen das die LeserInnen für mich nachholen!)
Wichtig bei "Story" ist ebenfalls der 3-Varianten-Verlauf. Bemerkenswert: Jede Variante ist real zirka 20 Minuten lang wie im wirklichen Film-Leben. Der Beziehungspfeil von der 3 hinter Version, der auf die obengenanten 1, 2, 3, zielt, stellt die Beziehung der drei Varianten zu den drei Ausgängen her.
Ast "Inhalt": Das Herz um Manni und Lola betont die Liebesverbindung. Beide erhalten einen eigenen Inhaltszweig, der parallel verläuft, wie die Geschichte. Zentraler Inhalt in diesem Film ist der Verlust: Verlust von Illusion, Familie (Vater, Tochter, Liebschaft), Geldtüte, Zeit, Hoffnung,..... . Für mich sind diese Gedanken im Schlüsselwort "Verlust" mitenthalten; ich brauche das nicht aufzuführen.
Ast "Akteure": Hier glänzen die beiden genannten Gruppen, wobei ich im Hinterkopf all die erwähnenswerten Charaktere in den Nebenbesetzungen speichere. Diese bitte nicht ins Mind Map eintragen! Ich erlaube mir auch eigenen Kommentar zu Manni: "süss". Und zu Lola: "Power". Beide Akteure faszinieren mich in ihrer Performance, ich notiere ihre bürgerlichen Namen auf Unterzweigen.
Ast "Orte": Der Film lebt von Tempo und Zeit. Beides wird durch rasche Ortwechsel potenziert, so erlebe ich Zeit nicht nur chronologisch, sondern auch geographisch. Dieses filmdramaturgisch unterstützende Element hält sich in allen drei Varianten im Rahmen der Wiederholung. Dadurch ergeben sich Ruhe und Verschnaufen für mich, fast die Freude einer Vorhersehbarkeit, die dann einer rasanten Ueberraschung weicht. Und um "Rennen" begrifflich zu machen, bedarf es Orte: von A nach B! Ein Kernort ist das Gehirn; mein partizipierendes Hirn der Zuschaürin und die planenden und reagierenden Hirne der Filmfiguren.
Ast "Publikum": Auf mich hat der Film eine starke beteiligende Wirkung. Die Musik animiert mich zur Atemtempo-Aenderung, ich hetze mental mit, ich hoffe, bange, wünsche und bin erleichtert. Die eingekringelte 1, 2, und 3 verweist auf die drei Varianten, die unter "Story" aufgeführt sind.
Ast "Beginn": Dieser Ast könnte ebenso ein Zweig von "Story" sein. Zu dem Zeitpunkt, als ich das Mind Map konzipierte, befand ich "Beginn" als einen eigenständigen Ast.
Da Mind Maps Spiegel der situativen Gedankenwelt sind, koennen sie nach einiger Zeit anders ausfallen, bzw. in einem zweiten Mind Map neu strukturiert werden. Korrekturen (Extrafarbe) sind erlaubt. "Mind MapperInnen" sehen Mind Maps als Organisationsprozess und nicht nur als Organisationsprodukt auf Papier!
Ast "Elemente": Hier unterteile ich in die drei Sinne: visüll, auditiv und kinästhetisch, ersetzt durch die Bildkürzel: Auge, Ohr und Herz, also statt
Wort auch mal eine Bildaussage (Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte). Visülle Inputs liefert in einem Film die Kamera. Der Schnitt und die Führung
verführen zur Wahrnehmung der gewünschten Effekte. Die Kamera rennt parallel - wieder einmal etwas Paralleles - zu Lola, das Zeittempo überträgt sich auf mich. Zoom, Zeitraffer, Zeitlupe oder Schwenks bringen das Raum-Zeit-Gefüge erneut in eine Neu-Ordnung. Drei visülle Medienträger entdecke ich: Video, 35 mm und Zeichentrick.
Das Ohr und die Atemrate werden tonal manipuliert: pulsierender Takt, der die Handlung zeitgleich stützt. Die Neuheit: ein Schrill-Schrei (3 mal!) bringt die Zeit zum Stillstand, die Kamera forciert diesen Eindruck durch Zeitlupensprünge. Jetzt sollen Wunder geschehen! Der Schrill-Schrei koennte auch noch mit einem Stopzeichensymbol den Einhalt darstellen. Bitte liebe LeserInnen: tragen Sie es ein... .
Ast: "Lyrik": Hier fällt mir zu diesem Zeitpunkt kein geeigneteres Wort ein. Es sind bemerkenswerte Textstellen gemeint, die anfangs der Handlung vorangestellt sind und erst im Verlauf und gegen Ende einen bewussten Sinn machen: Lebensweg, Mysterium Menschsein, Zeck, Verlauf, Richtung(en), Konseqünzen. Der Ast ist von mir mit Violett, der spiritüllen Farbe umrändelt, von den anderen abgegrenzt. Dies signalisiert mir auf einen Blick, dass hier eine Meta-Aussage abläuft.
Ast: "Aussage": Ein Zifferblatt mit der magischen 11Uhr 40 Uhr, dem magischen Zeitpunkt, zu dem alle drei Varianten beginnen. In diesem Bereich sind auch
interpretatorische Gedanken eingebracht. (Die Initialen MB (Maria Beyer) klären auf, dass; es meine ureigenen sind. Nicht abgedruckt, dennoch wichtig).
Die sich hochwindende Linie (von "paralle" aus) des Bereichs "Elemente" erinnert an stattfindende filische Parallelwiedergaben der Manni- und
Lola-Aktionen.Beide Namen stehen deshalb auf jeweils einer Seite.
Seite 2: Erkenntnisse. Das Icon einer Glühbirne, die die "Birne" erleuchtet. Gewissheit, dasss Willensstärke und Hinzu-Motivation beflügelt. Lola beweist: Ziele sind trotz widriger Voraussetzungen erreichbar.
Was extrem bedeutungsvoll auf mich wirkt: die Laufrichtig ist rückwärts. In unserer Kultur ist vorwärts immer mit "von links nach rechts" verbunden. Rechts von uns liegt die Zukunft, auch beim Schreiben der Buchstaben und Worte. Fü;r die dramaturgische Kongrünz muss Lola aber zu einem Ausgangspunkt "zurückrennen". Das passt exquisit zu Sepp Herberger und T.S. Eliott, die am Anfang des Films zitiert werden, dass irgendwie und letztendlich das Ende der Anfang des Endes ist und umgekehrt.
Spannend finde ich auch diese szenische Darstellung eines gelaufenen Lebenslaufs. Jeder Schritt, jeder Zusammenstoss oder auch jede Verspätung eroeffnen neü Richtungen oder Chancen. Sind alle Ausloeser relativ oder ist doch alles vorbestimmt im grossen Spiel?
Mit der Farbe rot habe ich einen Filmtitel eingetragen, der ähnliche Aussagen bereithält. Die andere Farbe signalisiert die Mind Map-Ausarbeitung der 2. Phase, die am nä;chsten Tag kam, nachdem ich unbewusst weiter über das Mind Map und den Film nachdachte und neü Einfälle hatte. Man kann sehr gut in ein Mind Map einfügen.
Ein Mind Map wird unwiderruflich als Gesamtbild ins Gehirn "eingescannt". Ich
kann es nach langer Zeit detailgetreu erinnern, denn es ist eine Gedächtnisstütze sondergleichen. Die Technik hilft, Gedanken und komplexe Inhalte zu komprimieren und zu strukturieren. Beide Gehirnhä;lften werden angesprochen; die der Logik und die der Vorstellungskraft.
Ich habe im vorliegenden Beispiel zirka 100 Minuten Inhalt auf ein Mind Map konzentriert und zwar mit den Worten, die kaum noch "wegzurationalisieren" sind. Füllworte ohne Relevanz stehen nicht im Mind Map, belegen somit keinen kostbaren Platz. Mind Mapping ist für beide Bearbeitungsrichtungen geeignet: Inhalte entwickeln oder Inhalte komprimieren, und das auf wenig Fläche, aber mit viel Format!
Mind Mapping® ist das eingetragene Warenzeichen von Maria Beyer, Mind Maps® von Tony Buzan.
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