| "Neugier wecken, nicht Neugier befriedigen..." |
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| Lehrkräfte, WeiterbildnerInnen, Schulbehörden | aus: Weiterbildung, 6/89, S. 54 - 57 |
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| Zwischenbilanz eines neuartigen Seminars für Lehrende: "Training von Strategien des ganzheitlichen Lehrens und Lernens" | ||

Von 1988 bis 1990 findet in Brienz (Schweiz) eine großangelegte Seminar-Reihe statt, die sich aus dem üblichen Kanon von Weiterbildungs Maßnahmen zukunftsweisend heraushebt. Das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA) veranstaltet für Lehrkräfte im weiterführenden Bereich (die in der Schweiz keine Beamte sind) ein drei teiliges "Training der Strategien des ganzheitlichen Lehrens und Lernens", das von den Kieler NLP-Experten Klaus Marwitz und Maria Beyer bestritten wird. Dr. Winfried Bachmann beschrieb für "Weiterbildung" das Neuartige und das Spannende an der Fortbildungs-Maßnahme, die es für deutsche Lehrkräfte ab 1990 auch geben wird:
Nimmt man den Begriff "Ganzheitlich" als Anspruch dieses Workshops ernst, so wäre man eigentlich gezwungen, möglichst viele Eindrücke und Einzelheiten als hilfreich oder hinderlich zum Ge- oder Mißlingen des Seminars aufzuzeigen und zu bewerten. Insofern ist es in gleicher Weise wic tig, sowohl den inneren thematisch inhaltlichen Zusammenhang des Seminars zu beschreiben als auch dessen äußeren Rahmen zu umreißen, ferner die das Seminargeschehen umrankenden Gelegenheiten zur aktiven und passiven Erholung (Hallenbad, Sonnenterrasse, gemeinsame Fahrt mit der Zahnradbahn aufs Brienzer Rothorn). Gerade durch einen gelungenen Rahmen gewinnt das Erlebnis "Seminar" für viele TeilnehmerInnen erst seine typische und einmalige Form und Gestalt. Aus dieser Perspektive betrachtet, bot sich in diesen drei Tagen ein günstiges äußeres Szenario, in welchem die Teilnehmer - soweit sie es zuließen - Abstand vom Alltagsgeschehen gewinnen und sich auf neue Formen und Arten des Lehrens und Lernenskonzentrieren konnten.
"Für mich und meine Schüler ist von Vorteil, wenn ich entspannter in den Unterricht gehe": Szene aus dem ganzheitlichen BIGA-Seminar.
Die drei Tage von Brienz bilden die zweite Etappe einer dreiteiligen Workshop-Konzeption zum ganzheitlichen Lehren und Lernen, welche zur Weiterbildung von Lehrkräften an Berufsschulen kaufmännischer Ric tung und Handels-Mittelschulen an geboten werden. Am Brienzer Fortgeschrittenen-Kurs nahmen insgesamt 17 Personen teil, vor allem Lehrer "in den besten Jahren", die ihre erlangte berufliche Lehrqualität durch neue Impulse erweitern und festigen woll ten. Als Dozenten für diese Weiterbildungs-Maßnahme zeichnen vom Kieler Institut für dynamisches Lehren und Lernen (IdyLL) der Diplom-Pädagoge Klaus Marwitz und die NLP Dozentin Maria Beyer.
Erfahrungen zwischendurch
Der Zwischen-Einstieg als Beobachter in den zweiten Kurs stellte sich nicht - wie anfangs befürchtet - als nachteilig heraus, weil dadurch die Gelegenheit geschaffen wurde, die mit
den Konzepten im Unterricht in der Zwischenzeit gemachten Erfahrungen der Lehrer als instruktiven Hintergrund zu erhalten. Denn seit dem Einführungskurs in die ganzheitliche Lehr- und Lernkonzeption war bei den meisten Lehrkräften mindestens ein halbes Jahr vergangen und, da jeder einzelne Elemente praktisch umgesetzt hatte, der zu Seminarbeginn gemachte Erfahrungsaustausch auch sehr plastisch und fruchtbar. Als gemeinsamen Nenner aller geäußerten Erfahrungen läßt sich festhalten:
Als schwerwiegendste Umset zungsprobleme werden von den Teilnehmern einerseits die oftmals hinderlichen Rahmenbedingungen hervorgehoben (Beispiel: Was nützen prozeß- orientierte, ganzheitliche Lehr- und Lernszenarien, wenn die Prüfungen schließlich auf die herkömmliche Art und Weise abgehalten werden?), andererseits die in vielen Lernenden festverankerten Denk- und Verhaltens-Gewohnheiten, die ein Ausbrechen aus den üblichen Bahnen und das da mit verbundene Risiko scheuen.
Die Erwartungen vieler Lehrkräfte an dieses Seminar kumulierten in der Hoffnung, durch eine Auffrischung neue Impulse für ihre Unterrichtspraxis zu erhalten. Im Vorgriff läßt sich fest halten, daß diese Hoffnungen nicht enttäuscht worden sind, jedoch wurden sie in vielerlei Hinsicht auf eine an dere Weise erfüllt, als dies mancher Teilnehmer vorher erwartet hatte.
Fortschritte in drei Schritten
Mit den vier Anwendungsformen (Mind Mapping, NLP-Entspannungs Übung und Superlearning) ist die Binnenstruktur des Seminars thematisch grobumrissen. Hingegen sind in der Workshop-Gesamtkonzeption insgesamt zu einer Einheit zusammenge faßt:
Letztlich soll hiermit ein ganzheitlicher Entwicklungsprozeß bei jedem einzelnen eingeleitet und so eine kreative, persönlichkeitsförderliche Veränderung im pädagogischen Denken und Handeln bewirkt werden. "Schneller geht es nun einmal nicht", so bremst Klaus Marwitz, einer der Dozenten, die Ungeduld vieler Anwesenden, denen sehr viel an einer schnellen und möglichst direkten unterrichtlichen Umsetzung der hier präsentierten Inhalte gelegen ist.

Diese innere Ungeduld zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Seminar und entlädt sich immer wie der in zum Teil lebhaften und kontroversen Diskussionen: "Viele sind gekommen", so formulieren schließlich einige Teilnehmer im Gespräch ihre Gegenposition zum Verwertungs-Ge danken, "um alles im Unterricht übernehmen zu können; ich bin zunächst einmal für mich selbst gekommen.
Oder: "Es ist schlimm, daß wir Lehrer immer wieder alles mit der Brille sehen, wie kann ich es im Unterricht umsetzen - ich genieße es einfach, hier zu sein." Oder: "Auf jeden Fall ist es schon für mich und meine Schüler von Vorteil, wenn ich als Folge des Seminars entspannter in den Unterricht gehe."
Merkwürdigerweise viele Lehr kräfte hatten bei der eigenen Umsetzung dieser Konzepte erkannt und bekannten freimütig, daß ihre Schüler eine gewisse "Eingewöhnungszeit benötigen würden, um mit diesen neuen Konzepten umgehen zu können. Dieser "Zeitfaktor" wurde im Rahmen des Seminars hingegen von manchen Lehrkräften nicht auf ihre eigene Person angewandt. Sie "fordern" von sich selbst implizit eine moglichst umgehende ergebnisorientierte (streng auf die berufliche Verwertung ausgerichtete) thematische Erfassung der Inhalte, wo eine eher prozeßorientierte (personbezogene, ja subjektiv-persönliche) Einstellung und Verhaltensänderung notwendig und sinnvoller gewesen ware.
Fruchtbare Spannungen
Diese innere Spannung zwischen Prozeß (Erfahrung) und Produkt (Ergebnis) prägt als ein weiteres Motiv das gesamte Seminar. Die Teilnehmer lernen, gewissermaßen über die konkreten Inhalte hinweg an sich selbst und im Miteinander diese Spannungen auszuhalten und immer wieder das eigene Denken und Handeln von unmittelbar zugänglichen Einzelinformationen auf globale und komplexe Schichten, Hintergründe, Assoziationen (rechtshirniges Denken und Handeln) zu lenken. Dazu die Dozentin Maria Beyer: "Es geht hier nicht darum, das vorgegebene Programm thematisch abzuhaken, sondern Aufgaben zu bearbeiten, die sich durchs gesamte Seminar hindurchziehen." - Und Klaus Marwitz: "Es geht nicht um ein unreflektiertes Nachahmen, sondern um eine spezifische, individuelle, kreative und kongruente Veränderung der eigenen Perönlichkeit."
Dieser Spannungsbogen wurde von den Dozenten bewußt als strategisches Moment aufrechterhalten. Das läßt ich sehr plastisch daran belegen, daß nach dem Erfahrungsbericht (symbolischer Blick zurück) sofort das Zielfindungs- oder Wunschmodell (symbolischer Blick nach vorn) kontradiktorisch anschließt. Die Vergangenheit, so lautet ein NLP-Erfahrungssatz, ist Quelle und Potential für die Zukunft, für künftige Möglichkeiten und Veränderungen.
Gestaltbarer Handlungs-Rahmen
Ziel dieser Trainingstage ist letztlich eine Harmonisierung der eigenen Persönlichkeit - eine Entwicklung, die sich positiv auf das Unterrichtsgeschäft auswirken soll sowohl im Blick auf das eigene Lehiverhalten als auch in einer entspannteren und offeneren Gestaltung der Beziehungen zu den Schülern. Dabei legen die Dozenten großen Wert darauf, daß die eingeleiteten Veränderungen nicht schematisch und rigide aufgenötigt werden - nach dem Motto "So ist dies und nicht anders". Im Gegenteil: Sie stecken mit ihren Darstellungen, Übungen und Demonstrationen lediglich einen offenen und flexibel gestaltbaren Han lungsrahmen ab, innerhalb dessen es für jeden einzelnen möglich wäre, eine Veränderung seiner selbst herbeizuführen. Die Entscheidung darüber, ob sich jemand aber verändern möchte und das Angebot annimmt, bleibt letztlich ihm selbst überlassen.
Das strategische Vorgehen der bei den Dozenten, die drei Seminartage nicht als nacheinander ablaufende Teilabschnitte, sondern als drei miteinander vernetzte Schichten des gleichen Sachverhalts (ganzheitliches Lehren und Lernen) zu betrachten, erschwert zunächst den Teilnehmern die Umsetzung auf bestimmte und begrenzte Fälle im Sinne der Verwertung. Dafür lenkt es aber den Blick auf das hinter vielen Sachverhalten verborgene Prinzip und befähigt so auf einer Meta Ebene zu einem flexibleren und kreativeren Anwenden. Im übrigen sind nur so die großen Breiten- und Sogwirkungen zu erklären, über welche die Schweizer Lehrer in ihren Erfahrungen nach dem Einführungskurs berichtet hatten.
Daß viele diese Grundregel ganz heitlichen Lehrens und Lernens im S minarverlauf "vergessen" und erst gegen Ende "wiederentdeckt" haben, ist ein wichtiges - paradox klingendes, aber sich immer wieder bewahrheitendes - Charakteristikum für ein ge lungenes Seminar: "Verwirrung". - so hat sich einer der Väter des NLP, Richard Bandler, einmal geäußert - "ist immer ein Zeichen dafür, daß man sich auf dem Weg zum Verstehen befindet." Verwirrung setze voraus, daß der Lernende über eine Menge von Daten verfüge, die jedoch noch nicht in einer Weise organisiert sind, die ihm Verstehen ermögliche".
Hilfreiche Übungen und Spiele
Ungeachtet der komplexen und mehrdimensionalen Zielsetzungen wurden den Lehrkräften in den Tagen auch konkrete, leicht umsetzbare Hilfestellungen für ihren Lehralltag angeboten und auf diese Weise dem (berechtigten) Verwertungsgedanken ebenfalls Rechnung getragen; so lernten die Teilnehmer(innen) in einzelnen Übungen unter anderem kennen:
Dieses Seminar stellte den zweiten Abschnitt eines ganzheitlichen Lehr- und Lern-Designs dar, in welchem in erster Linie ein Training der Anwendungsformen erfolgt und so das im ersten Kurs locker geknüpfte Netzbildlich gesprochen - engmaschiger gestaltet wird. Methodisch-didaktische Hinweise sollen erst im dritten Teil eingehender betrachtet werden. Dessen ungeachtet dürften auch aus diesem Workshop wieder neue Impulse den Schulalltag bereichern. Urs Rickenbacher, als verantwortlicher Kursveranstalter des Schweizer Bundesamts für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA), hat im Vorfeld dieses Seminars schon angekündigt, daß in der Zeit bis zum dritten Kurs (voraus sichtlicher Termin: Juni 1990) unterstützende Maßnahmen in Form sogenannter Arbeitsgemeinschaften zum ganzheitlichen Lehren und Lernen ins Leben gerufen werden sollen.
Von den dabei ins Auge gefaßten fünf bis sechs Arbeitstreffen im Laufe eines Jahres erhofft sich Rickenbacher einerseits weitere multiplikative Wirkungen durch einen intensivierten Erfahrungsaustausch der Lehrkräfte untereinander. Andererseits verspricht er eine Korrektur von in der Vergangenheit punktuell aufgetretenen Fehlentwicklungen, indem die Konzepte zum Teil zu schematisch angewandt wor den sind und dadurch nicht voll ihren unbestritten vorhandenen Lehr- und Lern-Effekt entfalten konnten. Diese Idee stieß bei den Lehrern auf Interesse und Zustimmung.
Dr. Winfried Bachmann
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